Blog #8

Warum Langsamkeit im therapeutischen Prozess so heilsam ist

30. Januar 2025
Lesezeit: 6 Minuten
Integrative Psychotherapie Reutlingen
Foto: Alison Pang | unsplash.com

Warum Langsamkeit im therapeutischen Prozess so heilsam ist

– eine traumasensible Perspektive

In meiner Praxis für Psychotherapie in Reutlingen begegne ich vielen Menschen, die sich Veränderung wünschen – oft mit dem Gefühl, es müsse endlich schneller gehen. Symptome sollen verschwinden, innere Zustände sich beruhigen, das Leben wieder „funktionieren“.
Dieser Wunsch ist zutiefst verständlich. Und gleichzeitig wissen wir aus der Traumatherapie und der traumasensiblen Psychotherapie:

Heilung folgt nicht dem Tempo des Alltags, sondern dem Rhythmus des Nervensystems.
Langsamkeit ist dabei kein Umweg. Sie ist der direkteste Weg zu nachhaltiger Veränderung.

Das Nervensystem bestimmt das Tempo – nicht der Verstand

Belastende oder gar traumatische Erfahrungen wirken dort, wo Worte oft nicht ausreichen: im autonomen Nervensystem.

Hier geht es nicht um Einsicht oder kognitive Verarbeitung, sondern um grundlegende Fragen von Sicherheit und Überleben.
Das Nervensystem fragt nicht:
Ist das logisch?“

sondern:

Bin ich gerade sicher?
In einer traumasensiblen, integrativen Psychotherapie orientiert sich der Prozess deshalb nicht am intellektuellen Verstehen, sondern an Spürbarkeit, Regulation und innerer Orientierung.
Langsamkeit ermöglicht dem Nervensystem, neue Erfahrungen nicht nur wahrzunehmen, sondern auch zu integrieren.

Langsamkeit als Grundlage traumasensibler Psychotherapie

In Psychotherapie und insbesondere auch Traumatherapie, wie z. B. in der körperorientierten Traumaarbeit Somatic Experiencing (SE)® geht es nicht darum, belastende Erinnerungen schnell zu durchleben oder „aufzulösen“. Vielmehr richten wir die Aufmerksamkeit auf das, was im Hier und Jetzt im Körper auftaucht:
• minimale Veränderungen im Atem
• ein Nachlassen von Spannung
• Wärme, Kälte oder Kribbeln
• ein Gefühl von Erdung oder Aufrichtung
Diese körperlichen Signale sind oft sehr fein.

Wenn wir zu schnell sind, übergehen wir sie.
Langsamkeit schafft einen Raum, in dem der Körper wieder Vertrauen fassen kann.
Er darf zeigen, was möglich ist – und auch, wo Grenzen liegen.

Somatic Experiencing (SE)®: Heilung im Rhythmus des Körpers

Somatic Experiencing (SE) folgt der Annahme, dass Trauma nicht das Ereignis selbst ist, sondern die gebundene Überlebensenergie, die nicht zu Ende geführt werden konnte.
Heilung geschieht, wenn das Nervensystem:
• zwischen Aktivierung und Ruhe pendeln darf
• kleine Bewegungsimpulse vollenden kann
• sich wieder selbst regulieren lernt
Dieser Prozess ist nicht linear.
Er verläuft in Wellen, Pausen und manchmal auch im scheinbaren Stillstand.
Langsamkeit ist dabei das, was diese feinen Pendelbewegungen überhaupt erst wahrnehmbar macht.

Titration statt Überforderung in der integrativen Psychotherapie

Ein zentrales Prinzip im SE ist die Titration – das behutsame Dosieren von Aktivierung. Nicht alles auf einmal. Nicht „da durch“. Sondern Schritt für Schritt.
In einer integrativen Psychotherapie verbindet sich dieses Prinzip mit emotionalen, kognitiven und bindungsbezogenen Aspekten. Der Körper gibt das Tempo vor, nicht der Verstand.
Langsamkeit schützt vor:
• Überflutung
• Dissoziation
• Retraumatisierung
Und sie fördert:
• Selbstwirksamkeit
• innere Wahlfreiheit
• Stabilität und Vertrauen

Bindungsorientierte Psychotherapie braucht Zeit und Beziehung

Eine bindungsorientierte Psychotherapie weiß: Heilung geschieht nicht isoliert, sondern in Beziehung. Und Beziehung hat immer ein eigenes Tempo.
Für viele Klient*innen war genau dieses Tempo früher nicht sicher:
• zu schnell
• zu unvorhersehbar
• zu fordernd
• oder emotional nicht verfügbar
Langsamkeit wird hier zu einer korrigierenden Beziehungserfahrung.
Pausen dürfen entstehen. Unsicherheit darf da sein. Schweigen wird nicht als Abbruch erlebt, sondern als Raum.
Das Nervensystem lernt:
Ich muss nichts leisten, um bleiben zu dürfen

Warum Langsamkeit vor Retraumatisierung schützt

Zu schnelles Vorgehen – auch mit guten Absichten – kann das Nervensystem erneut in Überlebensmodi bringen. Besonders bei Menschen mit komplexen oder frühen Traumatisierungen ist das Risiko hoch. Traumasensible Psychotherapie erkennt diese Gefahr und stellt Langsamkeit bewusst in den Mittelpunkt.
Nicht alles, was möglich ist, ist auch heilsam – zumindest nicht jetzt.
Langsamkeit schafft einen Raum für Wahlmöglichkeiten und dem Wahrnehmen der eigene Bedürfnisse:
• Möchte ich weitergehen?
• Brauche ich eine Pause?
• Was fühlt sich gerade stimmig an?

Heilung geschieht in kleinen Schritten

In der Praxis sind es oft nicht die großen Durchbrüche, sondern die leisen Momente, die nachhaltig wirken:
• ein etwas tieferer Atemzug
• ein inneres Nachlassen von Druck
• ein spontanes Strecken oder Gähnen
• ein Moment von Orientierung im Raum
Diese Erfahrungen brauchen Zeit, um sich zu setzen. Langsamkeit lässt sie landen und verankern.

Fazit: Langsam ist nicht wenig – langsam ist heilsam

Langsamkeit ist ein Ausdruck von Respekt gegenüber der Weisheit des Körpers. Sie schafft Sicherheit, Beziehung und Integration – die Grundlagen jeder nachhaltigen Heilung.
Der Körper kennt den Weg. Wir müssen ihm nur Zeit lassen
Wenn du dir eine traumasensible, bindungsorientierte Begleitung wünschst, melde dich gerne bei mir. 
Ich befinde mich aktuell in Ausbildung in der körperorientieren Trauamarbeit Somatic Experiencing (SE) und biete SE-orientierte Sitzungen an, die regelmäßig supervisorisch begleitet werden. Dabei arbeite ich achtsam, verantwortungsvoll und in dem Tempo, das dein Nervensystem vorgibt.
Herzliche Grüße,
Stephanie Wildenberg – Heilpraktikerin für Psychotherapie
Praxis für Psychotherapie, Coaching & Supervision Kanzleistr. 24 72764 Reutlingen
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