Blog #15
Wenn wir uns selbst verlassen, um dazuzugehören
Wie Bindungstrauma und frühe Beziehungserfahrungen unsere Autonomie prägen
20. Oktober 2026
Lesezeit: 6 Minuten
Foto: Andrea Lightfoot | unsplash.com
Manche Menschen können nur schwer Nein sagen, ohne sich schuldig zu fühlen. Sie spüren schnell, was andere brauchen, passen sich an und stellen ihre eigenen Wünsche zurück. Andere ziehen sich zurück, sobald Beziehungen enger werden, oder erleben Konflikte als Bedrohung für die Verbindung.
Hinter solchen Mustern können frühe Beziehungserfahrungen stehen. Denn als Kinder sind wir auf unsere Bezugspersonen angewiesen. Wir können uns nicht einfach von ihnen abwenden, wenn ihre Erwartungen mit unseren Bedürfnissen kollidieren.
Manchmal geben wir ein Stück von uns selbst auf, um die Verbindung zu den Menschen zu erhalten, von denen wir abhängig sind.
Wenn Zugehörigkeit Anpassung verlangt
Kinder brauchen nicht nur Schutz und Nähe. Sie müssen auch erfahren dürfen, dass sie eigene Wünsche haben, widersprechen und sich entwickeln können, ohne dadurch die Liebe ihrer Bezugspersonen zu gefährden.
Doch nicht jede Familie bietet diesen Raum. Vielleicht reagiert ein Elternteil gekränkt auf Widerspruch. Vielleicht wird das Kind für die Gefühle anderer verantwortlich gemacht oder erlebt, dass Zuwendung an Bedingungen geknüpft ist.
Es lernt, sich anzupassen, Konflikte zu vermeiden und die Bedürfnisse der anderen über die eigenen zu stellen. Nicht unbedingt bewusst, sondern weil die Zugehörigkeit zur Familie so wichtig ist.
Was dabei verloren gehen kann, ist die Erfahrung, mit dem eigenen Erleben willkommen zu sein.
Im Zusammenhang mit Bindungstrauma und Entwicklungstrauma können solche Erfahrungen dazu beitragen, dass Eigenständigkeit später mit Schuldgefühlen, Angst oder der Befürchtung verbunden ist, andere zu enttäuschen.
Warum es so schwer ist, eigene Wege zu gehen
Auch im Erwachsenenleben kann sich Selbstständigkeit dann wie ein Risiko anfühlen.
Vielleicht möchtest du eine Grenze setzen, eine eigene Entscheidung treffen oder dich aus einer vertrauten Familienrolle lösen. Obwohl du weißt, dass du dazu das Recht hast, entsteht innerlich ein Gefühl, etwas falsch zu machen.
Du erklärst dich, ruderst zurück oder übernimmst Verantwortung für die Gefühle anderer. Manchmal geschieht das so selbstverständlich, dass du erst hinterher bemerkst, dass du deine eigenen Bedürfnisse übergangen hast.
Diese Muster können sich auch in Partnerschaften fortsetzen. Wer gelernt hat, dass Beziehung nur durch Anpassung gelingt, stellt möglicherweise auch dort die eigenen Wünsche zurück. Andere schützen ihre Unabhängigkeit so stark, dass es schwerfällt, sich auf Nähe einzulassen.
Die zentrale Herausforderung bleibt ähnlich:
Wie kann ich verbunden sein, ohne mich selbst aufzugeben?
Wenn Grenzen sich nicht sicher anfühlen
Zu verstehen, warum wir uns anpassen, ist ein wichtiger Schritt. Doch Wissen allein verändert nicht unbedingt, wie wir in schwierigen Situationen reagieren.
Ein Nein kann sich im Körper bedrohlich anfühlen. Vielleicht entstehen Anspannung, Unruhe oder der unmittelbare Impuls, die eigene Grenze wieder zurückzunehmen.
In einer traumasensiblen Psychotherapie können solche Reaktionen achtsam erkundet werden. Dabei geht es nicht nur darum, neue Verhaltensweisen zu lernen, sondern auch darum, die eigenen Bedürfnisse und körperlichen Signale besser wahrzunehmen.
Ein körperorientierter Ansatz wie Somatic Experiencing® kann diesen Prozess unterstützen. Veränderung darf in kleinen Schritten geschehen, ohne die eigenen Grenzen erneut zu übergehen.
Nach und nach kann die Erfahrung wachsen, dass unterschiedliche Bedürfnisse nicht zwangsläufig eine Trennung bedeuten. Dass wir anderer Meinung sein dürfen und trotzdem in Beziehung bleiben können.
Verbunden sein und trotzdem eigenständig bleiben
Wir können unsere Herkunftsfamilie lieben und dennoch eigene Wege gehen. Wir können Verständnis für die Geschichte unserer Eltern entwickeln, ohne uns weiterhin für ihre Gefühle verantwortlich zu fühlen.
Das bedeutet nicht, dass jede Beziehung unverändert bleibt. Wenn wir vertraute Rollen verlassen, kann sich auch unser Miteinander verändern. Doch die Erwartungen anderer müssen nicht länger allein darüber bestimmen, wie viel Raum wir uns selbst zugestehen.
Vielleicht beginnt darin eine neue Form von Verbundenheit: eine, in der wir nicht zwischen Zugehörigkeit und Eigenständigkeit wählen müssen.
Wir dürfen dazugehören, ohne uns selbst dafür aufzugeben.
Psychotherapie und Traumatherapie in Reutlingen, Tübingen & Umgebung
In meiner Praxis in Reutlingen begleite ich Menschen bei Beziehungsschwierigkeiten, belastenden Bindungserfahrungen und Entwicklungstrauma. Meine Arbeit verbindet systemische Perspektiven mit einem körperorientierten, traumasensiblen Ansatz, unter anderem Somatic Experiencing®.
Gemeinsam können wir erkunden, wie du deine Bedürfnisse besser wahrnehmen, deine Grenzen ernst nehmen und neue Möglichkeiten im Kontakt mit anderen entwickeln kannst.
Herzliche Grüße,
Stephanie Wildenberg – Heilpraktikerin für Psychotherapie
Praxis für Psychotherapie, Traumatherapie, Coaching & Supervision
Kanzleistr. 24
72764 Reutlingen